Lucio Papirio dittatore (HWV A6) ist ein Dramma per musica in drei Akten und war die erste in einer Reihe von Opern anderer Komponisten, die Georg Friedrich Händel zwischen 1732 und 1737 für die Londoner Bühne angepasst und als Pasticcio auf die Bühne gebracht hat.
Entstehung
Die Verschlechterung von Händels Situation als alleiniger Komponist des Opernunternehmens wurde erstmals in der Saison 1731/32 deutlich. Hatte er sich diese Aufgabe während der ersten Opernakademie zunächst noch mit einem zweiten Komponisten geteilt, Giovanni Bononcini, so war er jetzt allein für das „Füllen“ des Spielplanes verantwortlich. Infolgedessen brachte er nun, neben seinen eigenen, nach und nach auch Opern anderer Komponisten in seiner Bearbeitung heraus. Die erste Neuheit, nach Wiederaufnahmen von Tamerlano, Poro und Admeto war am 15. Januar 1732 nicht ein Pasticcio, wie im Vorjahr Venceslao, sondern Händels eigener, aber wenig erfolgreicher Ezio. Danach nahm Händel zunächst den beim Publikum stets aufs Neue beliebten Giulio Cesare wieder auf, am 15. Februar gefolgt von einer weiteren neuen Oper, Sosarme, re di Media, sowie Il Coriolano (Ariosti) und seinem Flavio, re de’ Longobardi.
Der erste wirkliche Erfolg in dieser Spielzeit aber war das Oratorium Esther am 2. Mai. Der Zuspruch, den die sechs Aufführungen des englischen Oratoriums im Mai erfuhren, hätte sicher weitere Opernaufführungen unnötig gemacht, dennoch hatte am 23. Mai Lucio Papirio dittatore Premiere. Möglicherweise war die Oper schon vorher und während des unerwarteten Erfolgs der Esther einstudiert worden. Nach einer Notiz im „Opera Register“, jenem fälschlicherweise dem Diplomaten Francis Colman zugeschriebenen Operntagebuch zwischen 1712 und 1734, zu urteilen, fiel das Stück aber durch:
Die Oper hatte bis zum 6. Juni nur vier Aufführungen und wurde dann abgesetzt.
Besetzung der Premiere
- Lucio Papirio – Giovanni Battista Pinacci (Tenor)
- Papiria – Anna Maria Strada del Pó (Sopran)
- Quinto Fabio – Francesco Bernardi, genannt „Senesino“ (Mezzosoprankastrat)
- Marco Fabio – Antonio Montagnana (Bass)
- Rutilia – Francesca Bertolli (Alt)
- Cominio – Antonio Gualandi, genannt „Campioli“ (Altkastrat)
- Servilio – Anna Bagnolesi (Alt)
Für Lucio Papirio dittatore übernahm Händel eine Oper Geminiano Giacomellis fast vollständig und änderte nur Teile der Rezitative bzw. ließ die Arien durch Transpositionen den Stimmlagen der Sänger seines eigenen Ensembles anpassen, so dass die Londoner Fassung des Lucio Papirio eigentlich kein Pasticcio im strengen Sinne darstellt. Händels Direktionspartitur, die verschollen ist, gründet sich auf eine Londoner Kopie der Oper Giacomellis aus dem Besitz von Sir John Buckworth, 1726 einer der Direktoren der Royal Academy und 1733 dem Direktorat der Opera of the Nobility angehörend, mit dem Händel in Kontakt stand.
Libretto
Das Libretto Lucio Papirio dittatore wurde ursprünglich von Apostolo Zeno, dem Vorgänger Pietro Metastasios im Amt des kaiserlichen Hofdichters Karls VI. im Jahre 1719 für Wien geschrieben und von Antonio Caldara in Musik gesetzt. Auch eine Vertonung von Antonio Pollarolo kam 1721 in Venedig auf die Bühne. 1729 komponierte Giacomelli seine Oper auf der Basis eines Librettos von Carlo Innocenzo Frugoni, welches eine Überarbeitung der Zeno’schen Vorlage, und nicht des konkurrierenden Textbuches von Antonio Salvi (Lucio Papirio, Rom, Karneval 1714 mit Musik von Francesco Gasparini) darstellt. Aus letzterem übernahm Frugoni dennoch einige der Rezitative. In Parma kam Giacomellis Oper in einer All-Star-Besetzung mit Farinelli, Antonio Bernacchi, Francesco Borosini und Faustina Bordoni Anfang Mai 1729 zur Aufführung, wo sie Händel vermutlich selbst gehört hatte. Fast zeitgleich mit Händels Bearbeitung, im Frühjahr 1732, gab es eine weitere Inszenierung des Dramas von Zeno in Rom, mit Musik von Giovanni Porta.
Von Händels Aufführungen sind nur die Cembalostimme (mit Instrumentalparts) und das gedruckte Textbuch überliefert. Die sonst üblichen „Favourite Songs“, meist bei John Walsh gedruckt, erschienen diesmal nicht.
Handlung
Historischer und literarischer Hintergrund
325 v. Chr. wurde der mehrmals gewählte Konsul Lucius Papirius Cursor zum „dictator rei gerundae causa“ ernannt, um den Zweiten Samnitenkrieg (326–304 v. Chr.) zu führen, dessen Hauptheld er wurde. Papirius war ein ausgezeichneter Feldherr und ein Mann von altrömischer Strenge und Tüchtigkeit. 324 v. Chr. verurteilte er als Dictator seinen Magister equitum Quintus Fabius Maximus Rullianus wegen einer gegen seinen Befehl von ihm gelieferten Schlacht zum Tod und ließ sich nur durch die vereinten Bitten des Vaters, des Senats und des Volkes bewegen, ihn zu begnadigen.
Argomento
Musik
Sir John Buckworth, dessen Beziehungen zu Händel eine Untersuchung lohnen würde, besaß mehrere Partituren italienischer Opern, die heute noch überliefert sind. Eine davon ist Giacomellis Oper und das einzig erhaltene Manuskript dieser Komposition, welches Händel als Basismodell verwendete. Es ist mit Parma a di 15 maggio 1729 datiert. Alle Änderungen, die von Händel an Giacomellis Partitur vorgenommen wurden, dienten der Anpassung der Partien an die ihm zur Verfügung stehende Sänger-Besetzung. Es waren in erster Linie Transpositionen der Arien und Rezitativ-Passagen. Die Gewichtung der Rollen blieb dagegen unverändert – anders, als im folgenden Pasticcio Catone. Von den 28 Arien in Giacomellis Partitur behielt Händel 21 bei. Der Beginn einer 22. Arie erscheint nur in einer instrumentalen Form, als brillante Sinfonia. Eine weitere Arie war für Papiria vorgesehen, wurde aber wieder gestrichen, bevor das Textheft gedruckt wurde. Nur zwei der Arien, für Montagnana aus dessen persönlichem Repertoire eingefügt, stammen aus Werken Porporas: Chi del fato e della sorte (Nr. 4) aus Siface und Alma tra miei timori (Nr. 25) aus Poro.
Händel überarbeitet Giacomellis Rezitative mit einer Methode, die er sonst nicht anwandte: Er gab offenbar seinem Sekretär Smith senior eine Kopie des Librettos, aus dem die vorgesehenen Kürzungen der Texte hervorgingen und ließ ihn die Original-Rezitative, unter Aussparung jener Passagen, die Händel zu ändern gedachte (darunter die meisten Rezitativzeilen von Quinto Fabio und Rutilia), abschreiben. Händel ergänzte dann mit Bleistift die fehlenden Noten, welche später von Smith eingefärbt wurden, und machte weitere Änderungen. Das Ergebnis war eine Mischung aus Händel und Giacomelli (dessen Bässe oft beibehalten wurden, auch wenn die Gesangstimme neu geschrieben wurde), mit einem gelegentlichen Hauch vom älteren Schmidt.
Händel und das Pasticcio
Das Pasticcio war für Händel eine Quelle, von der er in den folgenden Jahren häufiger Gebrauch machte. Sie waren weder in London noch auf dem Kontinent etwas Neues, aber Händel hatte bisher nur eines, L’Elpidia, ovvero Li rivali generosi im Jahre 1724 herausgebracht. Jetzt lieferte er innerhalb von fünf Jahren gleich sieben mehr: Ormisda in 1729/30, Venceslao 1730/31, Lucio Papirio dittatore, Catone im Jahre 1732/33, und nicht weniger als drei, Semiramide riconosciuta, Caio Fabbricio und Arbace in 1733/34. Händels Arbeitsweise bei der Konstruktion der Pasticci war sehr verschieden, alle Stoffe aber basieren auf in den europäischen Opernmetropolen vertrauten Libretti von Zeno oder Metastasio, denen sich viele zeitgenössische Komponisten angenommen hatten – vor allem Leonardo Vinci, Johann Adolph Hasse, Nicola Porpora, Leonardo Leo, Giuseppe Orlandini und Geminiano Giacomelli. Händel komponierte die Rezitative oder bearbeitete bereits vorhandene aus der gewählten Vorlage. Sehr selten schrieb er eine Arie um, in der Regel, um sie einer anderen Stimmlage und Tessitur anzupassen. So etwa in Semiramide riconosciuta, wo er eine Arie für einen Altkastraten Saper bramante (Nr. 14) für den Bassisten Gustav Waltz völlig umkomponierte, weil für ihn eine einfache Oktavtransposition (wie seit den 1920er Jahren bis heute teilweise üblich) keine Option war. Wo es möglich war, bezog er das Repertoire des betreffenden Sängers in die Auswahl der Arien mit ein. Meist mussten die Arien, wenn sie von einem Zusammenhang in den anderen transferiert oder von einem Sänger auf den anderen übertragen wurden, transponiert werden. Auch bekamen diese mittels des Parodieverfahrens einen neuen Text. Das Ergebnis musste durchaus nicht immer sinnvoll sein, denn es ging mehr darum, die Sänger glänzen zu lassen, als ein stimmiges Drama zu produzieren. Abgesehen von Ormisda und Elpidia, die die einzigen waren, welche Wiederaufnahmen erlebten, waren Händels Pasticci nicht besonders erfolgreich – Venceslao und Lucio Papirio dittatore hatten nur je vier Aufführungen – aber wie auch Wiederaufnahmen, erforderten sie weniger Arbeit als das Komponieren und Einstudieren neuer Werke und konnten gut als Lückenbüßer oder Saisonstart verwendet werden oder einspringen, wenn eine neue Oper, wie es bei Partenope im Februar 1730 und Ezio im Januar 1732 der Fall war, ein Misserfolg war. Händel Pasticci haben ein wichtiges gemeinsames Merkmal: Die Quellen waren allesamt zeitgenössische und populäre Stoffe, welche in jüngster Vergangenheit von vielen Komponisten, die im „modernen“ neapolitanischen Stil setzten, vertont worden waren. Er hatte diesen mit der Elpidia von Vinci in London eingeführt und später verschmolz dieser Stil mit seiner eigenen kontrapunktischen Arbeitsweise zu jener einzigartigen Mischung, welche seine späteren Opern durchdringen.
Orchester
Zwei Oboen, zwei Hörner, Streicher, Basso continuo (Violoncello, Laute, Cembalo).
Literatur
- Reinhard Strohm: Handel’s pasticci. In: Essays on Handel and Italian Opera, Cambridge University Press 1985, Reprint 2008, ISBN 978-0-521-26428-0, S. 177 ff. (englisch).
- Bernd Baselt: Thematisch-systematisches Verzeichnis. Instrumentalmusik, Pasticci und Fragmente. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 3, Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1986, ISBN 3-7618-0716-3, S. 363.
- John H. Roberts: Lucio Papirio dittatore. In: Annette Landgraf und David Vickers: The Cambridge Handel Encyclopedia, Cambridge University Press 2009, ISBN 978-0-521-88192-0, S. 402 f. (englisch).
- Winton Dean: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006. Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-268-3. S. 128 f.
- Apostolo Zeno: Lucio Papirio dittatore. Drama. Da rappresentarsi nel Regio Teatro di Hay-Market. Reprint des Librettos von 1732, Gale Ecco, Print Editions, Hampshire 2010, ISBN 978-1-170-47540-9.
- Steffen Voss: Pasticci: Lucio Papirio Dittatore. In: Hans Joachim Marx (Hrsg.): Das Händel-Handbuch in 6 Bänden: Das Händel-Lexikon. (Band 6), Laaber-Verlag, Laaber 2011, ISBN 978-3-89007-552-5, S. 559.
Weblinks
- weitere Angaben zu Lucio Papirio dittatore (haendel.it)
- weitere Angaben zu Lucio Papirio dittatore (gfhandel.org)
Einzelnachweise
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