Helga Piur (verheiratete Piur-Stahnke; * 24. Mai 1939 in Berlin) ist eine deutsche Schauspielerin, die durch Film- und Fernsehproduktionen der DEFA und des Deutschen Fernsehfunks (DFF), vor allem durch ihre Rolle der Sprechstundenhilfe Victoria Happmeyer, genannt „Häppchen“ in der Arztserie Zahn um Zahn, bekannt wurde. Daneben wirkte sie im Rundfunk und als Synchron- und Hörspielsprecherin, wo sie unter anderem als Brigitte Neumann in 678 Folgen der Hörspielserie Neumann, zweimal klingeln zu hören war.
Leben
Frühe Jahre und Ausbildung
Helga Piur wurde im Mai 1939 als jüngstes von sechs Kindern in Berlin geboren. Als sie fünf Jahre ist, stirbt ihre Mutter, woraufhin sie bei der Schwester ihres Vaters und deren Mann aufwuchs. Als sie mit zwölf Jahren dem Rundfunk-Kinderchor beitritt beschließt sie, Sängerin zu werden – ein Vorhaben, das sich nach dem Besuch der Handelsschule und der anschließenden Arbeit als Sekretärin beim Berliner Dietz Verlag im Alter von 17 Jahren, auf die Schauspielerei ausweitet. Mehrere Bewerbungen an der Schauspielschule sollten scheitern. Sie beschloss neben ihrer Arbeit im Verlag privaten Schauspielunterricht bei Eduard von Winterstein, der ihr Dozenten für Literaturgeschichte, Sprecherziehung und Bewegungsunterricht vermittelte, zu nehmen. Ab 1959 gehörte sie dann schließlich zum festen Bestandteil des Deutschen Fernsehfunks. Zunächst trat sie vorwiegend in Kindersendungen auf, wo sie populäre Figuren wie die Puppe Edelgard oder Bastelinchen in DFF-Sendungen wie Unser Sandmännchen, Bahnhof Puppenstadt oder Treff mit Petra verkörperte.
Film, Fernsehen und Hörspiel
Helga Piur gab ihr Fernsehdebüt 1958 in einer kleineren Rolle in dem Fernsehfilm Sympathien durch Infamien. Anfang der 1960er Jahre wurde sie wiederholt in Nebenrollen einiger DEFA-Kinoproduktionen besetzt, wie 1961 als Flugbegleiterin Gudrun Die Liebe und der Co-Pilot. Von 1969 bis 1971 war sie als Elfi in 9 Folgen der Fernsehserie Dolles Familienalbum von Eberhard Schäfer in ihrer ersten größeren Serienrolle zu sehen. In den 1970er Jahren spielte sie an der Seite von Herbert Köfer, Ingeborg Krabbe und Heinz Rennhack in einer Vielzahl an Fernsehlustspielen, u. a. in Du bist dran mit Frühstück (1975), Männerwirtschaft (1975) und Nicht kleinzukriegen (1976). Mehrfach trat sie in den Episoden der Fernsehreihen Der Staatsanwalt hat das Wort und Polizeiruf 110 in Erscheinung. Daneben wirkte sie zwischen 1978 und 1990 in der Fernsehserie Schauspielereien, in der sie pro Folge in mehrere Rollen gleichzeitig schlüpfte.
Ihren Durchbruch hatte Piur 1985 in der Arztserie Zahn um Zahn, wo sie bis 1988 die Sprechstundenhilfe Victoria Happmeyer, genannt „Häppchen“, an der Seite von Alfred Struwe als Zahnarzt Dr. Alexander Wittkugel verkörperte. Ab 1988 gehörte Piur zum festen Ensemble des DFF, der jedoch zum Jahresende 1991 abgewickelt wurde. Für ihre darstellerischen Leistungen in der DDR erhält sie zweimal den Goldenen und zweimal den Silbernen Lorbeer und wird 1986 und 1987 von den Zuschauern zum Fernsehliebling gewählt.
Im Juli 1990 wurde auf DFF 1 die siebenteilige Nachfolgeserie von Zahn um Zahn mit dem Titel Klein, aber Charlotte ausgestrahlt. Piur spielte in ihr die Titelrolle der Versicherungsvertreterin Charlotte Klein. 1991 zählte sie als Alice Blümert zur Hauptbesetzung der siebenteiligen DDR-Zirkusserie Aerolina. 1995 war sie neben Anke Sevenich in der 13-teiligen ARD-Anwaltserie Kanzlei Bürger in der durchgehenden Rolle der Annegret Nelken zu sehen. Von 1999 bis 2019 übernahm sie an der Seite von Frank Schöbel die Rolle der Frau Holle in der Weihnachts-Fernsehsendung Fröhliche Weihnachten mit Frank des MDR und sang im Rahmen dieser Paraderolle mehrere Lieder wie Frau Holle bäckt ne Stolle und Mein Name ist Frau Holle. 2019 war anlässlich ihres 80. Geburtstages eine Gastrolle mit ihr als Häppchen in der ARD-Krankenhausserie In aller Freundschaft geplant. Als Piur das Drehbuch las, aus dem hervorging, dass sie lediglich eine Blumenverkäuferin mit drei Sätzen spielen sollte, lehnte sie das Angebot ab.
Helga Piur betätigte sich auch als Hörspielsprecherin. Ab 1965 wirkte sie kontinuierlich in zahlreichen Hörspielproduktionen für den Rundfunk der DDR mit. Sie war insgesamt an 150 Hörspielen beteiligt. Von 1967 bis 1982 war Piur neben Herbert Köfer und Marianne Wünscher in den 678 produzierten Folgen der Hörspielserie Neumann, zweimal klingeln auf Radio DDR I als deren Tochter Brigitte Neumann zu hören. Als Synchronsprecherin lieh sie unter anderem Brigitte Bardot für DEFA-Synchronfassungen ihre Stimme.
Privates
Helga Piur lernte in den 1960er Jahren bei Dreharbeiten den elf Jahre älteren Schauspieler Gert Andreae vom Deutschen Theater Berlin kennen. Nach der Geburt einer gemeinsamen Tochter widmete sich Piur wieder ihrer künstlerischen Laufbahn. 1970 erkrankte Andreae jedoch an Krebs, was Piur zur Kündigung ihres Vertrags beim Fernsehen und nach seinem Tod zu einer zweijährigen Pause veranlasste. 1974 heiratete sie den Autor und Regisseur Günter Stahnke, den sie im Zuge der Dreharbeiten der Fernsehserie Dolles Familienalbum kennenlernte und mit dem sie bis zu seinem Tod im November 2018 verheiratet war. Im März 2009 erschien mit Ein Häppchen von mir – Erinnerungen ihre Autobiografie im Verlag Das Neue Berlin. Sie lebt in Fredersdorf-Vogelsdorf.
Filmografie
Kinofilme
Fernsehfilme
Fernsehserien
- 1963: Blaulicht: Kümmelblättchen
- 1968: Der Staatsanwalt hat das Wort: Strafsache Anker
- 1969: Dolles Familienalbum (9 Folgen)
- 1977: Polizeiruf 110: Kollision
- 1978–1990: Schauspielereien (5 Folgen)
- 1980: Polizeiruf 110: Die Entdeckung
- 1981: Polizeiruf 110: Nerze
- 1983: Märkische Chronik (2 Folgen)
- 1984: Familie intakt (7 Folgen)
- 1985–1988: Zahn um Zahn (21 Folgen)
- 1985: Die Leute von Züderow (Folge Ein Fall für Grafe)
- 1987: Leute sind auch Menschen (3 Folgen)
- 1990: Der Staatsanwalt hat das Wort: Küsse und Schläge
- 1990: Klein, aber Charlotte (7 Folgen)
- 1991: Aerolina (7 Folgen)
- 1994: Großstadtrevier (Folge Schutzengel)
- 1995: Kanzlei Bürger (13 Folgen)
- 1997: Für alle Fälle Stefanie (Folge Missklänge)
Hörspiele
Auszeichnungen
- 1986; 1987: Fernsehliebling
Autobiografie
- Helga Piur: Ein Häppchen von mir – Erinnerungen. Verlag Das Neue Berlin, Berlin 2009, ISBN 978-3-360-01958-5.
Literatur
- F.-B. Habel, Volker Wachter: Lexikon der DDR-Stars. Schauspieler aus Film und Fernsehen. Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 1999, ISBN 3-89602-304-7.
- F.-B. Habel, Volker Wachter: Das große Lexikon der DDR-Stars. Die Schauspieler aus Film und Fernsehen. Erweiterte Neuausgabe. Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 2002, ISBN 3-89602-391-8.
- F.-B. Habel: Lexikon. Schauspieler in der DDR. Verlag Neues Leben, Berlin 2009, ISBN 978-3-355-01760-2.
Weblinks
- Literatur von und über Helga Piur im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Helga Piur bei IMDb
- Helga Piur bei filmportal.de
- Helga Piur in der Deutschen Synchronkartei
- [1]
- Helga Piur bei der DEFA-Stiftung
Einzelnachweise




